Exklusiv: Rezensionen zu aktuellen sicherheitspolitischen Publikationen
Vermeintlich rationale Sicherheitspolitik als friedenspolitischer Rückgriff vor die Zeitenwende
KW 07 // Rezension zu Johannes Varwick, 2026: Stark für den Frieden – Was jetzt für eine rationale Sicherheitspolitik zu tun ist. Neu-Isenburg: Westend.
Mit Stark für den Frieden legt der Autor ein Buch vor, das sich als Gegenentwurf zur sogenannten sicherheitspolitischen Zeitenwende versteht. Der Anspruch ist hoch. Es geht um nicht weniger als eine Korrektur der deutschen Debatte, um die Rückkehr zu einer vermeintlich friedenspolitisch orientierten Strategie und um die Warnung vor Militarisierung. In dieser Zielsetzung mag zunächst ein legitimer Impuls zu liegen. Doch das Buch leidet in zentralen Punkten unter einer problematischen Grundannahme. Es unterschätzt Bedrohungen, arbeitet mit fragwürdigen Gleichsetzungen und entwickelt seine Argumentation aus einer Prämisse heraus, die analytisch nicht trägt.
Selbstverortung statt Debatte
Bereits das erste Kapitel ist weniger ein Einstieg in eine sicherheitspolitische Analyse als eine ausführliche Selbstpositionierung. Der Autor beschreibt sich als aus der Debatte Gedrängten und als Stimme gegen den vermeintlichen Mainstream. Damit verschiebt sich der Fokus: Nicht die sachliche Auseinandersetzung mit Gegenargumenten steht im Vordergrund, sondern die Verteidigung der eigenen Rolle. Die Tatsache, dass Kritik an seinen Positionen geübt wird, stellt der Autor als Ausgrenzung dar, obwohl es sich in einer pluralen Debatte gerade um den normalen Prozess argumentativer Auseinandersetzung handelt. Auffällig bleibt zudem, dass kaum erwähnt wird, mit welchen relevanten Akteuren der deutschen Sicherheitspolitik der Autor dennoch weiterhin im Austausch steht. Problematisch ist auch der Ton, der stellenweise belehrend wirkt. Der Anspruch, den „sicherheitspolitischen IQ der Bevölkerung verbessern“ zu wollen, signalisiert weniger Aufklärung als Überlegenheit.
Fachliche Stärke im Detail – Schwäche im Gesamtbild
Kapitel 2 zeigt, dass der Autor qua seines Berufs natürlich beachtliche, wissenschaftliche Expertise mobilisieren kann. Ausführungen wie zu asymmetrischer Kriegführung und technologischen Veränderungen moderner Konflikte sind fundiert und präzise. Hier gelingt es, Komplexität analytisch aufzuschließen. Umso stärker fällt jedoch auf, dass diese analytische Qualität nicht durchgängig gehalten wird. Denn in den folgenden Kapiteln verschiebt sich der Fokus von Beschreibung zu politischem Framing – und dieses ist oft verkürzt.
Verharmlosung russischer Machtpolitik
Ein zentraler Schwachpunkt liegt in der Einschätzung der russischen Bedrohung. Der Autor betont wiederholt russische Schwächen auf dem Schlachtfeld in der Ukraine und leitet daraus eine geringe Bedrohung für den Westen ab. Erhöhte Verteidigungsausgaben erscheinen vor allem als angstgetriebene Reaktion, Aufrüstung als Militarisierung. Eine wesentliche Dimension vernachlässigt der Autor dabei. Russische Außenpolitik erschöpft sich nicht in militärischen Kapazitätsfragen, sondern zeigt seit Jahren eine konsistente Praxis revisionistischer Gewalt: Von Tschetschenien über Georgien bis zur Ukraine. Auch die expliziten Drohungen gegenüber Europa und imperialen Narrative aus dem Kreml werden nicht angemessen berücksichtigt. So entsteht eine sicherheitspolitische Analyse, die zentrale empirische Bezugspunkte unterschlägt. Hinzu kommen irritierende Gleichsetzungen. Einsätze in Afghanistan, Irak oder Libyen werden auf eine Ebene mit dem russischen Angriffskrieg gestellt, ebenso Modernisierungsprozesse wie Digitalisierung oder Globalisierung. All diese Ereignisse seien ebenso Zeitenwenden gewesen. Diese Parallelisierung verwischt Kategorien, statt Klarheit zu schaffen.
Frieden durch Kooperation – aber auf falscher Prämisse
Anschließend werden klassische liberal-institutionalistische Argumente entfaltet: Frieden durch Kooperation, Interdependenzen, Völkerrecht, multilaterale Institutionen. Das ist nicht falsch, im Gegenteil: Diplomatie, UN-Strukturen und Rüstungskontrolle bleiben wichtig. Doch das Buch entwickelt daraus eine problematische Schlussfolgerung. Aufrüstung erscheint nahezu automatisch als Militarisierung, während Diplomatie als vernachlässigte Alternative inszeniert wird. Die strukturelle Frage, ob Diplomatie ohne glaubwürdige Abschreckung gegenüber einem aggressiven Akteur tragfähig ist, wird kaum beantwortet. Besonders heikel wird dies dort, wo westliche Maßnahmen als mögliche „Vorwände“ für Putin beschrieben werden. Dies läuft auf eine Form der Schuldumkehr hinaus. Ein autoritäres Regime kann nahezu jede Handlung als Vorwand deklarieren – daraus darf jedoch nicht folgen, dass demokratische Staaten ihre Sicherheitsinteressen relativieren müssen.
Sicherheitsgarantien für Russland
Wiederholt fordert der Autor, russische Sicherheitsinteressen stärker anzuerkennen und Einflusszonen zu akzeptieren. Auch die Idee einer neutralen Ukraine – etwa im Kontext von Trumps 28-Punkte-Plan – wird als Chance skizziert. Doch solche Vorschläge bleiben politisch naiv, solange sie die Asymmetrie der Situation ignorieren. Sicherheitsgarantien für Russland werden diskutiert, während Russland selbst elementare Garantien gegenüber Nachbarn systematisch gebrochen hat und bricht.
Ergebnis: Ein sicherheitspolitischer Rückgriff vor die Zeitenwende
Stark für den Frieden enthält sinnvolle Einzelbeobachtungen und erinnert berechtigterweise daran, dass Diplomatie und Völkerrecht nicht aus dem Blick geraten dürfen. Doch als Gesamtentwurf bleibt das Buch problematisch. Es operiert mit einer unseriösen Einschätzung der Bedrohungslage, warnt alarmistisch vor Militarisierung (obwohl es dem „Mainstream“ selbst Alarmismus vorwirft) und unterschätzt gleichzeitig die reale revisionistische Gewaltpolitik Russlands signifikant. Im Kern ist es ein Plädoyer für ein sicherheitspolitisches „Weiter so“ – ein Rückgriff vor die Zeitenwende. Es ist damit weniger ein Beitrag zur Friedenssicherung als eine Rückkehr zu Denkmustern, welche die gegenwärtige Lage gerade erst hervorgebracht haben.
Der Verfasser: Alexander Gerhardt, M.Litt. (Strategic Studies, St. Andrews) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Redaktion von Lagebild Sicherheit. Er promoviert am Lehrstuhl für Militärgeschichte/Kulturgeschichte der Gewalt bei Prof. Dr. Sönke Neitzel. Alexander Gerhardt ist Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).
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