Klement Ruey-sheng Gu: “Taiwan is part of the solution.”

Kalenderwoche 42 // Diplomatische Perspektive

Der Gesandte Taiwans in Deutschland, Dr. Klement Ruey-sheng Gu, beschreibt im exklusiven Gespräch mit Lagebild Sicherheit die Rolle seines Landes angesichts wachsender Bedrohungen durch China. 2025 wurden 5.709 chinesische Einflüge in die Überwachungszone um Taiwan registriert; ebenso setzten zahlreiche Cyberangriffe Taiwan unter Druck. Taiwan setzt auf Abschreckung sowie Resilienz und fordert eine engere sicherheitspolitische und technologische Zusammenarbeit mit Deutschland. Denn die Sicherheit Taiwans betrifft mehr als den Indopazifik: Sie steht für den Schutz globaler Lieferketten, technologischer Schlüsselindustrien und einer regelbasierten internationalen Ordnung, so Gu.

Dr. Klement Ruey-sheng Gu, Leiter der Taipeh-Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland

Wie beurteilen Sie derzeit eine mögliche Bedrohung Taiwans durch die Volksrepublik China?

Wir nehmen die Bedrohungslage sehr ernst. China setzte Taiwan 2025 4.000 Mal mit Kampfflugzeugen und 2.500 Mal mit Kriegsschiffen unter Druck und führte täglich 2.6 Mio. Cyberangriffe durch. Taiwan erfährt kognitive Kriegsführung, soziale Unterwanderung, wirtschaftlichen Zwang und militärische Einschüchterung. Die regelmäßigen Militärmanöver rund um Taiwan erhöhen dabei nicht nur das Risiko einer Eskalation, sondern können auch zu Fehleinschätzungen führen.

Wir setzen deshalb nicht auf Konfrontation, sondern auf Abschreckung und Resilienz. Unser Ziel ist es, einen Konflikt zu verhindern und sicherzustellen, dass Differenzen in der Taiwanstraße friedlich und ohne Zwang gelöst werden.

Die Bedeutung der Taiwanstraße geht dabei weit über Taiwan hinaus. Sie ist eine zentrale internationale Schifffahrtsroute und für globale Technologie- und Lieferketten von großer Bedeutung. Eine militärische Eskalation hätte daher erhebliche regionale und globale Folgen.

Damit zeichnen Sie ein sehr ernstes Lagebild. Was unternimmt Taiwan dagegen?

Angesichts des zunehmenden militärischen Drucks durch China stärkt Taiwan seine Verteidigungsfähigkeit deutlich. Dabei verfolgen wir eine klare Linie: Wir wollen keinen Konflikt provozieren, sondern durch Abschreckung sicherstellen, dass ein militärischer Angriff für Peking mit hohen Kosten und Risiken verbunden wäre. Unsere sogenannte Stachelschweinstrategie soll Krieg so unwahrscheinlich wie möglich machen.

Unser Verteidigungshaushalt erreicht in diesem Jahr einen historischen Höchststand. Bis 2030 wollen wir die Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent unseres BIP erhöhen. Gleichzeitig bauen wir insbesondere Cyberabwehr, asymmetrische Verteidigungsfähigkeiten, Drohnen, Luftverteidigung und den Schutz kritischer Infrastruktur aus. Auch unsere Streitkräfte werden weiter modernisiert. Der Wehrdienst wurde auf ein Jahr verlängert und wir investieren unter anderem in moderne Systeme wie die F-16V.

Gleichzeitig vertiefen wir unsere internationalen Partnerschaften. Die USA bleiben unser wichtigster Sicherheitspartner, während wir die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern insbesondere bei Verteidigungstechnologie, Drohnen, Cybersicherheit und Zivilschutz ausbauen wollen.

Die USA waren immer der zentrale Garant für Taiwans Sicherheit, doch der US-Präsident stellt derzeit viele Gewissheiten in Frage. Wie haben sich die Beziehungen zwischen Taiwan und den USA in den vergangenen Jahren verändert?

Die Beziehungen sind in den vergangenen Jahren enger und strategisch bedeutender geworden. Die USA sind für Taiwan ein wichtiger Partner in den Bereichen Sicherheit, Technologie und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Gleichzeitig versucht Taiwan, seine Partnerschaften breiter aufzustellen und nicht von einem einzelnen Partner abhängig zu sein.

Wie beurteilen Sie Taiwans geopolitische Lage vor dem Hintergrund der Konflikte in der Ukraine, dem Iran und gleichzeitig auch Handelshemmnissen unter den westlichen Partnern?

Taiwan befindet sich heute an einem strategisch entscheidenden Punkt. Es liegt nicht nur im Zentrum der ersten Inselkette des Indopazifiks, sondern auch an einer wichtigen Schnittstelle globaler Handels-, Technologie- und Lieferketten. Jährlich passieren rund 50 Prozent des weltweiten Containerverkehrs die Taiwanstraße und etwa 40 Prozent des Außenhandels der Europäischen Union werden über diese wichtige Handelsroute abgewickelt.

Chinas Expansionsbestrebungen zielen längst nicht mehr nur auf Taiwan. Peking hat die sogenannte „zweite Inselkette“ bereits überschritten und seine strategische Reichweite bis in die südliche Hemisphäre ausgedehnt. Gleichzeitig gerät die regelbasierte internationale Ordnung zunehmend unter Druck. Taiwan steht dabei an der Frontlinie der autoritären Expansion.

Aber immer mehr Länder sehen Taiwan als verlässlichen Partner – wirtschaftlich, technologisch und im Bereich von Resilienz und Sicherheit. Taiwan möchte deshalb nicht nur Unterstützung erhalten, sondern selbst einen Beitrag leisten: für sichere Lieferketten, technologische Innovation, Demokratie und eine widerstandsfähige regelbasierte internationale Ordnung. Taiwan arbeitet zugleich daran, wirtschaftliche Abhängigkeiten zu reduzieren und seine Lieferketten breiter aufzustellen. Gerade beim Handel und bei kritischen Technologien geht es darum, Risiken durch einseitige Abhängigkeiten zu verringern und die eigene wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zu stärken. Taiwan ist daher nicht nur eine Frage, die die internationale Gemeinschaft lösen muss, sondern ein Partner, der Teil der Antwort auf die gemeinsamen Herausforderungen unserer Zeit sein kann.

Auch die Ukraine wird derzeit von einer globalen Macht bedroht und ist insofern in einer ähnlichen Lage wie Sie – gibt es einen Austausch zwischen ukrainischen und taiwanesischen Sicherheitsexperten?

Es gibt vorwiegend indirekte humanitäre, medizinische und soziale Hilfe über Polen, Tschechien und andere Nachbarländer. Dennoch gibt es einen Austausch über inoffizielle Netzwerke, Think Tanks, die Privatwirtschaft und akademische Kanäle, z.B. über Drohnentechnologie. Wir beobachten zugleich sehr genau die Entwicklung der Beziehungen zwischen Russland und China. Eine engere politische, wirtschaftliche oder sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten könnte auch Auswirkungen auf die Sicherheitslage im Indopazifik haben und stellt Taiwan vor zusätzliche Herausforderungen. Wir würden uns eine Zusammenarbeit mit der Ukraine im Sinne gemeinsamer Werte wie Demokratie und Menschenrechte wünschen – wir würden gerne unsere Solidarität mit der Ukraine zeigen.

Angenommen, China würde die militärische Option wählen. Sie sprachen von hybrider Kriegsführung gegen Taiwan, auch im Informationsraum. Welche Kräfte könnte China möglicherweise in Taiwan selbst mobilisieren?

Taiwan hat eine demokratische Gesellschaft mit einer Bevölkerung, die ihren heutigen Lebensstil und die damit verbundenen Freiheiten sehr schätzt. Zwar gibt es möglicherweise Spionage und Einflussnahme aus China, doch für eine autoritäre Regierung ist es schwierig, über politische oder wirtschaftliche Propaganda dauerhaft Einfluss auf die taiwanische Gesellschaft zu gewinnen. Gleichzeitig versucht China, über Desinformation, wirtschaftliche Einflussnahme und andere Formen der Einflussnahme auf die öffentliche Meinung einzuwirken.

Die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter der bestehenden demokratischen Ordnung und ihrer Entwicklung. Taiwan hat volles Vertrauen und die unerschütterliche Entschlossenheit, Chinas Mobilisierungsversuche im Landesinneren erfolgreich abzuwehren.

Inwiefern spielt Deutschland für Taiwan in der Frage seiner Sicherheit eine Rolle?

Deutschland und Taiwan sind bereits heute enge Partner. Unsere Beziehungen sind wirtschaftlich, wissenschaftlich, technologisch und gesellschaftlich sehr vielfältig. Wir schätzen auch die Unterstützung Deutschlands für Taiwans sinnvolle Beteiligung an internationalen Organisationen, beispielsweise an der Weltgesundheitsorganisation. Ebenso begrüßen und schätzen wir die klare Aussage von Außenminister Wadephul, dass das Gewaltverbot der UN-Charta auch für die Taiwanstraße gilt. Auch Deutschlands Entsendung von Kriegsschiffen durch die Taiwanstraße ist ein wichtiges Signal für Frieden und Stabilität.

Die deutsche Ein-China-Politik ist außerdem, das möchte ich betonen, nicht mit dem chinesischen Ein-China-Prinzip gleichzusetzen. Deutschland erkennt die VR China als einzige legitime Regierung Chinas an, ohne Pekings Auffassung zu übernehmen, dass Taiwan Teil Chinas sei. Wie Deutschland seine Beziehungen zu Taiwan gestaltet, entscheidet Berlin – nicht Peking.

Wie stehen Taiwan und Deutschland aktuell konkret im Austausch?

Deutschland strebt einen weiteren Ausbau der wirtschaftlichen, kulturellen und technologischen Beziehungen zu Taiwan an, insbesondere mehr Investitionen taiwanischer Hightech-, Halbleiter- und KI-Unternehmen in Deutschland. Die Investition von TSMC in Dresden ist dafür ein sehr gutes Beispiel und ein wichtiges Zeichen für die enge Zusammenarbeit zwischen Taiwan und Deutschland. Sie verbindet taiwanisches technologisches Know-how mit der starken industriellen Basis Deutschlands und Europas. Deutschland kann auch von Taiwan profitieren.

Taiwan verfügt zudem über wertvolle Erfahrungen mit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Resilienz. Der Anteil unserer Investitionen in China ist von 80 Prozent auf nur noch drei Prozent gesunken, während Taiwans Wirtschaft im vergangenen Jahr um über acht Prozent gewachsen ist. Diese Erfahrungen teilen wir gerne mit Deutschland.

Letztlich verbindet uns mehr als Wirtschaft und Sicherheit. Taiwan und Deutschland teilen zentrale Werte wie Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte. Deshalb wollen wir unsere Partnerschaft weiter vertiefen und gemeinsam eine widerstandsfähige, regelbasierte internationale Ordnung stärken.

Ich möchte sagen: Taiwan hat jedes Recht, Freundschaften und Partnerschaften aufzubauen, um seine Sicherheit zu gewährleisten, und zugleich seine Erfahrungen mit Resilienz und De-Risking mit Partnern weltweit zu teilen. Ich möchte Ihnen dazu einige TIPS mitgeben –TIPS bedeutet: Taiwan is part of the solution.

Ist es damit richtig zu sagen, dass insbesondere die wirtschaftlichen Beziehungen eine Art indirekte Beistandsgarantie in der Sicherheitspolitik bilden?

Die wirtschaftlichen Beziehungen sind sehr eng und haben in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich an strategischer Bedeutung gewonnen. Taiwan ist Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner in Asien, während Deutschland für Taiwan der wichtigste Handelspartner innerhalb der Europäischen Union ist. Rund 300 deutsche Unternehmen sind in Taiwan aktiv. 2025 erreichte das bilaterale Handelsvolumen zwischen Taiwan und Deutschland 21.7 Mrd. US-Dollar – sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Damit liegt es seit fünf Jahren in Folge über 20 Mrd. US-Dollar.

Die Wirtschaftsstrukturen beider Seiten sind komplementär: Deutschland verfügt über starke industrielle Kompetenzen, insbesondere im Maschinenbau, in der Automobilindustrie und Elektronik. Taiwan ist weltweit führend bei Halbleitern und Hochtechnologien.

Führt der Aufbau von Halbleiterfabriken im Ausland nicht dazu, dass Taiwan einen Teil seiner sicherheitspolitischen Absicherung verliert?

Die Produktion wird zwar zunehmend auch an anderen Standorten aufgebaut, doch das entscheidende Wissen, die Forschung und die technologische Entwicklung bleiben weiterhin in Taiwan. Damit bleibt Taiwan auch künftig ein zentraler Standort der globalen Halbleiterindustrie.

Was kann Deutschland sonst zur Sicherheit Taiwans beitragen?

Sicherheit im 21. Jahrhundert wird nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld entschieden. Es geht vielmehr um hybride Bedrohungen, Cybersicherheit und stabile Lieferketten. In all diesen Bereichen ist Deutschland ein unverzichtbarer strategischer Partner für Taiwan.

Es geht hier nicht um Intervention, sondern um integrierte Abschreckung. Wenn Berlin gemeinsam mit seinen europäischen und transatlantischen Partnern unmissverständlich deutlich macht, dass jede Aggression in der Taiwanstraße unannehmbare wirtschaftliche und politische Kosten nach sich ziehen würde, ist dies der wirksamste Schutz des Status quo. Dazu gehört aus unserer Sicht auch eine sichtbare und regelmäßige Präsenz deutscher und europäischer Seestreitkräfte in der Taiwanstraße. Eine solche Präsenz wäre ein klares Zeichen dafür, dass internationale Seewege offenbleiben müssen und dass einseitige Versuche, den Status quo mit Druck oder Gewalt zu verändern, nicht akzeptiert werden.

Wir sehen vier konkrete Hebel für eine engere Zusammenarbeit mit Deutschland: Taiwans funktionale internationale Partizipation, den Schutz digitaler Infrastrukturen, die Kooperation bei Dual-Use-Technologien und die Stärkung der zivilen Resilienz.

Taiwans Ausschluss aus Organisationen wie WHO, UNFCCC, ICAO und INTERPOL schafft konkrete Sicherheitslücken, die auch Europa betreffen. Pandemien, Klimawandel und grenzüberschreitende Kriminalität kennen keine geopolitischen Grenzen. Wir begrüßen daher, dass sich die Bundesregierung für Taiwans sinnvolle Teilnahme an internationalen Organisationen einsetzt.

Taiwan und Deutschland sind zudem führende Hightech-Standorte. Die TSMC-Investition in Dresden zeigt die wachsende Bedeutung Taiwans für Europas technologische Sicherheit. Diese Zusammenarbeit sollte auf Bereiche wie Drohnentechnologie, KI, Cyberabwehr und Zivilschutz ausgeweitet werden.

So kann Deutschland durch De-Risking, internationale Teilnahme und sicherheitsrelevante Technologiekooperation einen konkreten Beitrag zur Stabilität und zum Erhalt des Status quo in der Taiwanstraße leisten.

Herr Dr. Gu, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten für Lagebild Sicherheit Dr. Christian Hübenthal und Alexander Gerhardt


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